Im Rückblick lässt sich erkennen, wie in der Wende vom "sozialdemokratischen Jahrhundert" zu neoliberalem Regieren durch bestimmte Entscheidungen gesellschaftliche Strukturen verändert wurden: Die Bedingungen, in denen wir unausweichlich unser Leben gestalten, wurden umfassend und tiefgreifend geändert. Noch mehr: Die Dinge, die uns umgeben, haben sich verändert - wir leben in einer anderen Welt, politisch, wirtschaftlich, sozial, ökologisch, alltäglich und geistig. Das Ergebnis dieser Entscheidungen: Die Entscheider weisen jede Verantwortung zurück, denn sie realisieren ja nur ein Entwicklungs-Gesetz: das Überschreiten jeder Schranke (Karl Marx) und die Herstellung unendlichen Vermögens (Christoph Deutschmann).

Am gefährlichsten erwies sich die Umgestaltung der Börsen sowie die Eingliederung der Staatsfinanzierung in sie. Erwartungen von Erwartungen bildeten schon immer den Horizont des Börsenhandels. Digitalisierung und Algorithmisierung trennen die Börsen jedoch von der Verarbeitung wirtschaftlicher Grunddaten ab. Nicht mehr Ökonomen, sondern Physiker entwerfen die neuen "Finanzprodukte" in der Form von Programmen, die nicht mehr nachvoillzogen werden konnten. (Saskia Sassen) Von dieser ungeheuren „Informationsverarbeitungs-Maschine“ sprechen die Händler wie von einem erhabenen übermenschlichen Wesen. (Karin Knorr Cetina) Und der völlige Zusammenbruch der Weltbörsen in der Finanzkrise ab 2007 war in dieser Sichtweise weit mehr als unerklärlich. Eine tiefgreifende, religiöse Erschütterung ähnlich der, die das Erdbeben 1755 in Lissabon im christlichen Denken erzeugte, hat jetzt das ökonomische Denken ergriffen: Die Rechtfertigung Gottes angesichts des Übels in der Welt (Theodizee) wiederholt sich als Oikodizee. (Joseph Vogl)