Das neoliberale Projekt drängt immer noch viele Spuren an den Rand, die das sozialdemokratische Projekt in den Menschen und ihrem Umgang mit den Dingen hinterlassen hat: insbesondere die Erkenntnis, dass Freiheit ausschließlich in der Gemeinschaft entsteht und nur kollektiv gewährleistet werden kann, dass sie also „soziale Freiheit“ (Axel Honneth) ist.

Einen Aspekt der tiefen Wirksamkeit des neoliberalen Projekts beleuchtet der Begriff der „Gouvernementalität“ (Michel Foucault): Die Mentalität, dass jeder Mensch für sein eigenes Schicksal selbst verantwortlich sei und sein Wohlergehen selbst in der Hand habe, setzt immer neu und immer noch unbestritten die neoliberale Regierungslehre um. Darüber hinaus realisieren die Macher von Google oder Facebook in ihren Algorithmen das Gedankenmodell, nach dem jeder Mensch für sich vereinzelt zu verstehen sei, als ein Bündel von Fähigkeiten, Interessen, Meinungen und Bedürfnissen. In der Welt der Dinge wird technologisch die Ebene des Gemeinsamen unsichtbar. Obwohl die Welt intensiv verflochten ist wie noch nie und jeder einzelne Mensch so wie noch nie in seinem alltäglichen Überleben von anderen Menschen abhängt, kann die Notwendigkeit der Verständigung über Allgemeines geleugnet werden. Der „Markt“ in der „Verfassung der Freiheit“ wird erneut gegen das Wissen um die „soziale Freiheit“ in Stellung gebracht.

Die zerstörerischen Folgen für die Demokratie lassen sich inzwischen nicht mehr leugnen. Die Digitalkonzerne müssen dennoch zu jedem Schritt, der die öffentliche Meinungsbildung schützt, erst gezwungen werden. Facebook hat zum Beispiel bis vor kurzem die Leugner wissenschaftlicher Erkenntnismöglichkeit genauso wie Rassisten systematisch als eigene Gruppe erfasst und entsprechend vernetzt. Google und Facebook sind insofern die idealtypischen Umsetzungen der neoliberalen Regierungsehre in eine Institution: Meinungsbildung ist privat und nicht bezogen auf eine allgemeine Öffentlichkeit. „Volkes Stimme“ bin dann immer ich mit meinen Leuten.