Die Politik der letzten Jahrzehnte in vielen westlichen Ländern wird oft als „neo-liberal“ bezeichnet. Damit ist gemeint, dass die Politik sich an folgender Grundannahme ausrichtet: Der Staat habe die Aufgabe, eine „Verfassung der Freiheit“ (F.A. Hayek) zu errichten, die jedermann vor unmittelbarem Zwang durch jemand anderen schützen müsse – und vor nichts anderem. Aufklärerische Ideale seien eher schädlich: Jeder solle auf eigene Weise in seinem eigenen Horizont und aus seinen eigenen Erfahrungen versuchen, seine Probleme zu lösen. Jeder müsse für sein eigenes Wohl und Wehe verantwortlich sein – oder sich zumindest verantwortlich fühlen. Dann werde sich die jeweils optimale Lösung durchsetzen. Die neo-liberale Politik hat alle politischen Konzepte bekämpft, die davon ausgingen, dass eine Gesellschaft sich über sich selbst aufklären könne, bewusst Verbesserungen anstreben und über den Staat Maßnahmen durchsetzen könne, um sie zu erreichen. Denn man müsse das Zusammenleben der Menschen nach den gleichen Prinzipien wie die biologische Evolution organisieren - als adaptiven, innovativen Anpassungsprozess. Unser Wirtschaften läuft in diesem Umfeld - angeblich - selbstregulierend, innovativ und optimal ab. Dieses politische Projekt strebt also an, das gesamte menschliche Zusammenleben nach dem Modell einer Informationsverarbeitungs-Maschine umzubauen. (Philip Mirowski)

Weil hier individuelle Einsicht, gemeinschaftliches Lernen aus Fehlern oder Bildung nur als Fehlerquellen gesehen werden, greift dieses politische Projekt das traditionelle Bild vom Menschen an: Es ist posthuman. Auch hier gib es radikale Denker: Wenn nicht mehr Menschen, sondern ein übermenschlicher Prozess das Maß aller Dinge bildet, kann irgendwann auch der Mensch verschwinden - oder zur Nährstoffbatterie eines Höheren Wesens werden (wie im Film Matrix).